Tur-Qadash

Dienstag, 14. August 407 AD, 20:13 von Basileios von Edessa

Ipsam quoque cellulam meam quasi cogitationum consciam pertimescebam et mihi iratus et rigidus solus deserta penetrabam et ut mihi testis est dominus post multas lacrimas nonnunquam videbatur mihi interesse agminibus angelorum.?
— Jacobus de Voragine, Legenda aurea (ca. 1263)

Wüstenkloster Mar Saba
Das Wüstenkloster Mar Saba aus dem 5. Jh. (Lithographie von Louis Haghe nach David Roberts, 1843, gemeinfrei)
Übersetzt aus dem Aramäischen.

Es war im letzten Jahr der Herrschaft des Kaisers Flavius Valens, da verließ ich meine Klause und wanderte in die Berge. Ich wanderte drei Tage und drei Nächte, und alsbald kam ich vom Wege ab. Unversehens fand ich mich in einer Gegend, in der ich noch nie zuvor gewesen war.

Ich irrte umher und stieg immer höher und höher in die Berge hinein. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel, und es gab weder Baum noch Strauch, die mir hätten Schatten spenden können. Es herrschte eine seltsame Stille, kein Laut war zu hören, kein Tier weit und breit zu sehen, außer ein paar Krähen, die über meinem Haupte kreisten. Mich dürstete, doch nirgends fand ich ein Bächlein oder eine Quelle, wo ich mich hätte erquicken können.

Plötzlich war mir, als vernähme ich von ferne die süßeste Musik, wie von Lyren, Flöten und Zimbeln, und glockenhelle Stimmen wie aus hundert Kehlen. Ich glaubte zunächst, mein verwirrter Geist spielte mir einen Streich, oder — der Herr steh mir bei! — der Widersacher wollte mich ins Verderben locken.

Dennoch folgte ich dem Klang der Musik über Stock und Stein, so süß und verlockend war sie, und alsbald erhob sich in der Ferne unter einem Felsvorsprung ein Kloster. Nie zuvor hatte ich gehört, dass hier an diesem verlassenen Ort, der noch unwirtlicher war als meine Klause, heilige Männer lebten, und auch später wusste keiner, dem ich meine Geschichte erzählte, etwas von diesem Kloster zu berichten.

Ich schöpfte neue Hoffnung und dankte dem Herrn für seine Gnade. So näherte ich mich der Klostermauer, und die Musik und der Gesang umfingen mich wie Engelsschwingen. Als ich an das große Tor klopfte, war ich erstaunt, denn es öffnete mir kein Mönch, sondern eine Jungfrau in einem schneeweißen Kleide. »Ich bin die Immakinuta Pinamhar«, sprach sie und hieß mich willkommen. Als ich eintrat, gewahrte ich, dass es in dem gesamten Kloster keinen einzigen Mann gab. Es war nur von Frauen bewohnt, neun an der Zahl.

Sie nahmen mich gar freundlich auf und führten mich alsbald in einen großen Saal. Dort sah ich, dass außer mir noch andere Wanderer an diesen Ort gelangt waren. Sie schienen aus allen Völkern der Erde zu kommen. Viele von ihnen waren matt und krank oder hatten blutende Wunden, einer lag jammernd auf einem Strohlager, ein anderer saß auf dem Boden an die Wand gelehnt und vergrub sein Antlitz in den Händen.

Es näherte sich Pinamhar, die Jungfrau in dem weißen Kleide, und ich fragte sie, was denn dies für ein seltsamer Ort sei. Sie antwortete: »Dies ist Tur-Qadash, der Berg des Heils. Diesen Ort findet nur, wer reinen Herzens ist. Doch steht er allen offen, die Not leiden.«

Die Jungfrau trug eine Schale, ganz aus Edelstein gefertigt und reich verziert mit Gold. Am Rand der Schale sah ich — und siehe! — dort standen geheimnisvolle Worte in der heiligen Sprache Adams geschrieben. Die Jungfrau schöpfte mit der Schale klares Wasser aus dem Brunnen, dann trat sie hin zu einem der Kranken, stimmte einen gar lieblichen Gesang in einer mir gänzlich unbekannten Sprache an und gab ihm aus der Schale zu trinken. Sogleich erhob sich dieser und ging kerngesund davon.

Ich wollte zuerst meinen Augen nicht trauen, dann fiel ich auf die Knie und fragte sie, ob sie die Heilige Jungfrau sei, und welch wundersames Gefäß sie da besitze. Sie antwortete: »Steh auf, frommer Mann, und versündige dich nicht. Dies ist der Kelch des Exils, das Gefäß der Macht Gottes auf Erden. Einst zog Henoch der Gerechte mit ihm aus vom Berge Seths in die Stadt Susa. Der Heilige Thomas, der Apostel des Herrn, brachte ihn von dort nach Antiochia. Er wird seit Anbeginn bewahrt von den Wächtern.«

Ich bekreuzigte mich, denn nun erkannte ich, welchen Schatz sie da leibhaftig in Händen hielt. Dann bot die Jungfrau auch mir an, aus der Schale zu trinken, allein ich wandte mich ab. Denn steht nicht geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen?

Fortsetzung folgt …Baphomet

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