Nogaret

Donnerstag, 20. September 2018, 08:05 von Henriette

Er fasst mich an, führt mich zum Hause der Finsternis, der Wohnung Irkallas, / Zum Hause, das nicht verlässt, der’s betreten, / Zur Straße hin, deren Bahn nicht umkehrt, / Zum Haus, darin man des Lichts entraten muss, / Wo Erdstaub die Nahrung ist, Lehm die Speise, / Man Licht nicht sieht, im Dunkeln sitzt …
Gilgamesch-Epos, 7. IV, 33–39

Chimäre auf Notre-Dame
Foto: gemeinfrei

Heute Morgen riss mich in aller Herrgottsfrühe das Klingeln meines Mobiltelefons aus dem Schlaf. Benommen nahm ich ab und murmelte noch etwas wie »Wer will denn um diese Zeit …«

»Allô? Spreche ich mit Mademoiselle Künrad?« unterbrach mich eine schroffe Männerstimme am anderen Ende. »Hier ist Lieutenant Nogaret, Justizpolizei. Melden Sie sich bitte umgehend im Commissariat du 5e arrondissement, Rue de la Montagne Sainte-Geneviève. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.«

»Worum geht es denn?« wollte ich wissen.

»Das kann ich Ihnen am Telefon nicht sagen. Bitte kommen Sie, so schnell Sie können.«

»Aber ich …« Er hatte bereits wieder aufgelegt.

Mit einem Schlag war ich hellwach. Das Kommissariat lag im Quartier Latin, wo ich gestern Betmar besucht hatte. Was könnte dort …?

Ich sprang schnell unter die Dusche und trank einen dünnen Kaffee an der Hotelbar. Dann eilte ich mit einem flauen Gefühl im Bauch zur Métro. Unterwegs spielte ich mit dem Gedanken, Mme Navarre anzurufen und sie zu fragen, ob sie Näheres über die Sache wisse. Doch ich wollte sie auch nicht unnötig beunruhigen. Vielleicht ging es nur um eine Lappalie? Vielleicht war alles nur ein Missverständnis? Und so ließ ich es sein.

Das Polizeirevier befand sich in einer tristen Seitenstraße des Boulevard Saint-Germain in einem freistehenden, quaderförmigen Betonbau. Nach kurzer Wartezeit führte mich ein junger Gardien de la Paix ins Büro des Lieutenants.

Lieutenant Nogaret war ein kleiner, hagerer Mann mit feucht glänzenden Tränensäcken unter schmalen Augenschlitzen, durch die er mich eingehend musterte. Zwischen seinen glatt zurückgebürsteten schwarzen Haarsträhnen blitzten bereits zahlreiche kahle Stellen hervor.

»Bonjour, Mademoiselle, setzen Sie sich bitte. Es geht um Professor Betmar, den Philologen. Sie kannten ihn?«

»Kannten? Wieso kannten?« Ich spürte, wie sich meine Kehle zusammenschnürte.

»Ich bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen, dass er heute Morgen tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde«, sagte er routiniert. »Er wurde ermordet.«

Meine Knie wurden weich und mein Magen krampfte sich zusammen. Ich fühlte, wie der Boden unter meinen Füßen wegglitt, und im nächsten Moment landete ich unsanft auf einem harten Holzstuhl.

»Aber wer …« stammelte ich.

»Bitte beantworten Sie nur meine Fragen. Wo waren Sie letzte Nacht zwischen zwei und drei Uhr?«

»Ich weiß nicht, ich … In den Grues sublimes, einer Jazzbar hier ganz in der Nähe. Oder vielleicht auch schon auf dem Nachhauseweg. Ich weiß es nicht mehr genau. Wir hatten etwas getrunken und …«

»Mit wem waren Sie in der Bar?«

»Nicholas de Montmorency. Er ist ein alter Freund. Und Taraneh, die Besitzerin der Bar. Ich kenne nur ihren Vornamen, ich habe sie erst gestern Abend kennengelernt.«

»Soso, Tara«, murmelte er und spielte dabei mit seinem Kugelschreiber. »Und danach?«

»Danach habe ich ein Taxi zurück ins Hotel genommen.«

»Sie sind von der Bar direkt ins Hotel gefahren?«

»Ja. Das kann doch bestimmt der Taxifahrer bestätigen.«

»Und Sie wissen nicht mehr, um welche Uhrzeit das war?«

»Nicht mehr genau. Vielleicht so gegen zwei?«

»Hat Sie vielleicht jemand vom Hotelpersonal gesehen?«

»Nein, ich trage den Schlüssel immer bei mir, und an der Rezeption war niemand.«

»Sie waren gestern fast den ganzen Tag bei Monsieur Betmar. Worum ging es bei diesem Besuch?«

Woher wusste er das? Ich erzählte ihm in kurzen Worten, was seit meiner Ankunft in Paris geschehen war, von meinem Auftrag im Louvre, von Mme Navarre und unseren Versuchen, mit Betmars Hilfe die Schriftzeichen auf dem Artefakt zu entziffern.

»Wieviel ist das alte Ding denn wert, das Sie da untersucht haben?«

»Das lässt sich kaum abschätzen. Das können wir erst sagen, wenn unsere Untersuchungen abgeschlossen sind. Glauben Sie denn, der Mord könnte damit zusammenhängen? Aber Betmar war nie im Besitz der Schale! Sie lagert sicher in einem Safe im Museum.«

»Glauben Sie an Zufälle, Mademoiselle Kunrat? Sie kommen aus Deutschland hierher, verbringen einen ganzen Tag bei Monsieur Betmar wegen einer wertvollen Antiquität, und noch in derselben Nacht ist er tot!«

»Aber nun sagen Sie mir doch endlich, was genau passiert ist!«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Die Concierge wollte ihm wie jeden Morgen die Zeitung hinaufbringen. Als sie seine Wohnungstür aufgebrochen vorfand, ging sie hinein. Die ganze Wohnung war durchwühlt, und mittendrin saß er in seinem Sessel, mit dem Gesicht auf dem Schreibtisch. Er wurde erstochen. Es müssen mehrere Täter gewesen sein, das hat die Spurensicherung ergeben. Und sie haben den Computer mitgenommen.«

Rosette, sagte ich leise …

»Die Concierge hat uns sofort benachrichtigt, von ihr haben wir auch erfahren, dass er gestern Besuch von seiner alten Freundin Mme Navarre in Begleitung einer jungen Frau hatte. Mit Mme Navarre haben wir bereits gesprochen, ihre Aussage deckt sich weitestgehend mit Ihrer. Sie war auch so freundlich, uns Ihre Nummer zu geben.«

»Mme Navarre? Wo ist sie jetzt?«

»Sie ist noch hier, im Büro nebenan.«

Ich sprang auf. »Sie ist hier? Kann ich zu ihr? Ich muss …«

In diesem Moment öffnete sich die Bürotür und Mme Navarre trat ein. Sie sah schlimm aus. Als sie mich sah, lief sie auf mich zu, umarmte mich und weinte.

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