Nicholas

Mittwoch, 19. September 2018, 19:51 von Henriette

Quæ mole sua terrorem incutit spectantibus.?
— Victor Hugo, Notre-Dame de Paris, III, 1

Notre-Dame de Paris
Notre-Dame de Paris (Bild: iStock.com/Givaga)

Es war ein lauer Abend, in den Straßen standen noch vereinzelte Pfützen vom letzten Regen, und der leichte Wind tat gut. So beschloss ich, noch einen kleinen Spaziergang an der Seine zu machen. Das ist viel zu einfach, dachte ich. Auf die Idee, die Symbole durch griechische Schriftzeichen zu ersetzen, wäre doch bestimmt schon lange vor uns jemand gekommen. Wir mussten zunächst mehr über die Herkunft der Schale und die Indus-Schrift herausfinden, bevor wir uns an die Entschlüsselung machen konnten. Wo lag die Verbindung zwischen einer antiken Schale aus Antiochia und einer prähistorischen Schrift vom indischen Subkontinent?

Ich war noch nicht lange unterwegs, da ragte plötzlich die Silhouette von Notre-Dame vor mir auf. Mich fröstelte. Gotische Kathedralen hatten für mich schon immer etwas Bedrohliches — Monumente der jahrhundertelangen absoluten Macht der Kirche und zugleich der vermessene Versuch, die spirituelle Vision vom ›himmlischen Jerusalem‹ mit Zirkel und Lot in Stein zu manifestieren. Vernunft im Dienste des Glaubens.

»Henriette? Henriette Kunrat?« riss mich plötzlich eine Stimme aus meinen Gedanken. Die Stimme gehörte einem dunkelhaarigen, im Mondlicht ein wenig blass erscheinenden Mann. Ich erkannte sie sofort.

»Nicholas! Was machst du denn hier? Ich dachte, du bist in London.«

Nicholas de Montmorency, jüngster Spross einer alten französischen Adelsfamilie und mäßig erfolgreicher freier Journalist, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Verschwörungen der Eliten in Politik und Wirtschaft zu enthüllen. Ich bin ihm zum ersten Mal vor etwa zehn Jahren während einer Forschungsreise in Baalbek begegnet. Er glaubte damals beweisen zu können, dass Israel die Angriffe gegen die Hisbollah im Zweiten Libanonkrieg mit stillschweigendem Einverständnis der US-Regierung bereits Monate zuvor geplant hatte. Seitdem haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt.

»Schön, dich zu sehen!« sagte er, drückte mich an sich und gab mir ein Küsschen. »Ich lebe seit einem Jahr wieder in Frankreich. In London … nun ja, sagen wir, ich habe mir dort den Unmut einiger einflussreicher Leute zugezogen … Und du? Was verschlägt dich nach Paris?«

»Das Museum in Nürnberg hat mich hergeschickt. Ich soll ein Exponat im Louvre abholen.«

»Was denn für ein Exponat? Ist es teuer?«

»Das wird dich interessieren«, lachte ich. »Es handelt sich um eine Votivschale aus dem antiken Syrien. Darauf befindet sich eine uralte Inschrift, die wir nicht entziffern können …«

»Davon musst du mir unbedingt mehr erzählen«, erwiderte er. »Gehen wir was trinken?«

Ich hakte bei ihm unter, und wir machten uns auf den Weg. Nach wenigen hundert Metern hörte ich bereits aus einer Seitengasse das dumpfe Quäken eines Saxophons, und kurz darauf standen wir in einer engen, lauten und verrauchten Jazzbar.

»Les grues sublimes?, die beste Jazzbar von ganz Paris«, versicherte mir Nicholas.

An den Wänden des langgezogenen Raumes hingen Poster lokaler Nachwuchskünstler und Bands, die demnächst hier auftreten sollten. Von einem großen Schwarzweiß-Plakat blickte mich aus tiefen, dunklen Augen das Portrait einer außergewöhlich schönen Frau an. Nun sind schöne Frauen auf Plakaten wahrlich nichts Besonderes, umso mehr war ich erstaunt, dass sie mir auffiel. Krass, Photoshop, ging mir durch den Kopf. Unter dem Foto stand der Name der Band: Gilgamesh. Und sie sollte heute auftreten.

»Ich dachte, die Franzosen sind so streng mit dem Rauchverbot?« fragte ich verwundert.

»Taraneh hat hier im Viertel so etwas wie einen Freibrief. Sie darf so ziemlich alles.«

»Taraneh?«

»Die Wirtin. Sie ist Iranerin. Komm, ich mache euch bekannt.«

Er führte mich zur Theke, wo eine Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren gerade Gläser abspülte. Es war die Frau auf dem Poster. Sie war wohl eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte. Also doch kein Photoshop.

»Salut, Tara. Darf ich dir Henriette vorstellen? Sie ist eine alte Freundin aus Deutschland und hier zu Gast am Louvre«, rief Nicholas ihr zu und versuchte, die Musik und das Gemurmel zu übertönen.

»Salut, Henriette, ich bin Tara. Was willst du trinken?«

Ich bin jedesmal wieder überrascht, wenn sie hier meinen Namen aussprechen. Auf Französich klingt er wie aus einem alten Gedicht, fast ein bisschen aristokratisch. In Deutschland habe ich seit frühester Jugend immer ein wenig darunter gelitten.

Nicholas empfahl einen Pinot noir (»der beste in ganz Paris«), und wir gesellten uns zu Taraneh an die Theke. Zum ersten Mal seit Jahren rauchte ich wieder in einer Kneipe.

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