Gilgamesch

Donnerstag, 20. September 2018, 01:12 von Henriette

Die Schenkin sprach zu ihm, zu Gilgamesch: / Gilgamesch, wohin läufst du? / Das Leben, das du suchst, wirst du sicher nicht finden! / Als die Götter die Menschheit erschufen, / Teilten den Tod sie der Menschheit zu, / Nahmen das Leben für sich in die Hand. / Du, Gilgamesch — dein Bauch sei voll, / Ergötzen magst du dich Tag und Nacht! / Feiere täglich ein Freudenfest! / Tanz und spiel bei Tag und Nacht! / Deine Kleidung sei rein, gewaschen dein Haupt, / Mit Wasser sollst du gebadet sein! / Schau den Kleinen an deiner Hand, / Die Gattin freu’ sich auf deinem Schoß! / Solcher Art ist das Werk der Menschen!
Gilgamesch-Epos (ša naqba īmuru), 10. III, 1–14 (ca. 2400 v. Chr.)

Gilgamesch besiegt Chumbaba
Gilgamesch besiegt Chumbaba (ca. 860 v. Chr., Foto: gemeinfrei)

»Wow! Ihr seid also Gilgamesh«, rief ich bewundernd, als der Beifall verklungen war und Tara, verschwitzt und außer Atem, wieder zu uns an die Bar zurückkam.

»Was bedeutet der Name eigentlich?« wollte Nicholas wissen und hörte auf, ihr in den Ausschnitt zu starren. »Das wollte ich dich schon lange mal fragen.«

»Das ist eine uralte Legende aus Mesopotamien«, erwiderte sie, noch immer etwas atemlos. »Mein Großvater erzählte mir die alten Geschichten des Zweistromlandes, von Gilgamesch, dem König, der nicht sterben wollte, vom Abstieg der Frühlingsgöttin Inanna in die Unterwelt, und natürlich von der Sintflut.«

»Le déluge?« fragte Nicholas verwundert. »Aber das ist doch eine hebräische Legende! Noé und die Arche …«

»Viele der biblischen Geschichten stammen ursprünglich aus Sumer oder Babylon«, erläuterte Tara und schenkte uns Wein nach. »Erinnert euch, Abraham stammte aus ›Ur in Chaldäa‹, und im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte die Bevölkerung Judäas eine Zeitlang im babylonischen Exil, by the rivers of Babylon. Dort begegneten die Hebräer der jahrtausendealten Kultur und den Mythen des Zweistromlandes: Sie hörten die Geschichten von der Erschaffung der Welt, von einem Turm, der bis in den Himmel ragte, und von der Sintflut. Die sumerische Variante der Sintfluterzählung ist mindestens 1500 Jahre älter als die biblische. Dort heißt der Erbauer der Arche Ziusudra und wird vom Gott Enki vor der Flut gewarnt: O Ziusudra, Mann aus Šuruppak, zerstöre dein Haus, baue ein Schiff, verachte den Reichtum, verlasse die Götter, rette das Leben!«

»Klingt fast wie Wagner. Götterdämmerung. Doch erzähl uns von Gilgamesch!«

Gilgamesch war ein grausamer, vorzeitlicher König der sumerischen Stadt Uruk. Sein einziger Freund und Weggefährte war der mächtige Enkidu, ein Wilder Mann, den die Göttin Aruru aus Lehm erschaffen hatte, und der die Wildtiere vor den tödlichen Fallen der Jäger beschützte.

Als Enkidu an einer rätselhaften Krankheit stirbt, verzweifelt Gilgamesch und begibt sich auf Wanderschaft, um das Geheimnis des ewigen Lebens zu suchen. Nach vielen Abenteuern gelangt er schließlich zu einer Höhle unter den Zwillingsgipfeln des Berges Mâschu. Durch die Höhle betritt er den ›Edelsteingarten‹, einen magischen, der Welt entrückten Ort, und trifft dort auf die Große Göttin Ištar in Gestalt der ›reichen Schenkin‹ Siduri. Diese weist ihm den Weg zum ›bitteren Fluss‹, den Wassern des Todes.

Inmitten dieses Ozeans befindet sich Dilmun, die Insel der Seligen, wo der Baum der ewigen Jugend wächst. Dort lebt seit der Sintflut Ziusudra, ›der Ferne‹. Mit Hilfe des Fährmanns Uršanabi gelangt Gilgamesch auf die Insel, und der weise Ziusudra überreicht ihm schließlich eine Frucht vom Baum des Lebens. Doch auf dem Weg zurück in die Heimat macht Gilgamesch an einem Brunnen Rast, wo ihm eine Schlange die Frucht wieder entwendet. Alles war umsonst! Niedergeschlagen kehrt er nach Uruk-Gart zurück und versucht fortan, durch große Werke Unsterblichkeit zu erlangen.

Sargon von Akkad
Sargon von Akkad (um 2300 v. Chr.), archetypischer mesopotamischer König: So könnte auch Gilgamesch ausgesehen haben. (Foto: gemeinfrei)

»Immer wieder die Schlange …« seufzte Nicholas.

»Wie sich die Geschichten über Jahrtausende hinweg gleichen! Der Fährmann Uršanabi — erinnert er nicht an den griechischen Charon, der die Toten über den Styx geleitet? Und Dilmun, die Insel der Seligen — klingt sie nicht wie der Garten Eden?«

»Oder das keltische Avalon, oder die Kolchis der Argonauten, oder die Gärten der Hesperiden …« zählte Nicholas auf. »Geschichten über entschwundene Paradiese gibt es in jeder Kultur.«

»Womit sich der Kreis schließt«, sagte Tara, »denn die sumerischen Erzählungen von Dilmun dienten tatsächlich als Vorbilder für die biblische Geschichte vom Garten Eden. Auch dort gibt es einen Baum des Lebens — und eine Schlange.« Sie hielt inne und zündete sich eine Zigarette an. »Der Name Eden leitet sich vom sumerischen Begriff Guan Edena ab, was einfach Steppe oder Grünland bedeutete. Guan Edena wurde im Hebräischen zu Gan Eden, Garten Eden. Im Arabischen heißt der Ort Ǧanna

»Es steht ja schon im Alten Testament, dass Eden in Mesopotamien lag.« Ich versuchte mich an den Bibeltext zu erinnern. »Und es ging aus von Eden ein Strom, zu wässern den Garten, und er teilte sich von da in vier Hauptflüsse. Der erste heißt Pishon, der zweite heißt Gihon, der dritte heißt Tigris, der vierte ist der Euphrat.«

»Du erstaunst mich immer wieder, Tara«, sagte Nicholas mit aufrichtiger Bewunderung. »Wenn man dir so zuhört, glaubt man fast, Mesopotamien sei die Wiege der gesamten orientalischen und europäischen Zivilisation.«

»Ist es auch«, gab sie schnippisch zurück. »Immerhin wurde dort die Schrift erfunden. Und ohne die wäre heute nix mit Zivilisation. Ex oriente lux.«

»Apropos Schrift, was hat es denn jetzt mit deiner geheimnisvollen Inschrift im Louvre auf sich?« wandte sich Nicholas an mich.

Ich erzählte den beiden von der Schale und unseren bescheidenen Versuchen, die Schriftzeichen zu entschlüsseln.

»Ihr wart bei Betmar?« lachte Tara, als ich mit meinem Bericht zu Ende war.

»Du kennst ihn?« fragte ich einigermaßen verwundert.

»Ich habe bei ihm studiert. Das muss jetzt mindestens fünfzehn Jahre her sein. Er ist ein alter Schürzenjäger, aber der Beste auf seinem Gebiet. Wenn euch einer helfen kann, dann er.«

Die Bar hatte sich mittlerweile geleert, und Tara begann, die Stühle hochzustellen. Es war spät geworden.

»Wie wär’s, wenn du morgen Abend wieder herkommst und uns von euren Fortschritten berichtest?« schlug Nicholas vor. »Es passiert hier nicht oft, dass jemand geheime Inschriften entschlüsselt.«

Ich willigte ein und packte meine Sachen zusammen. Wir verabschiedeten uns, und ich verließ die Bar mit neuer Zuversicht. Mit Betmars Hilfe würden wir das Rätsel bestimmt lösen.

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