Die Kriegermönche

Donnerstag, 20. September 2018, 12:00 von Henriette

Et a trestous les freres chevaliers en yver et en esté, se estre puet, otroions a avoir blancs mantiaus; … que cil que ont abandonnée vie tenebrouse, por essamples de blanches robes (et) se reconoissent d’estre reconcilié a lor criator : Qui senefie blanchor et enterine chasteé.?
— Henri de Curzon, La règle du Temple (1886), p. 28

Die Glocke von Saint-Sulpice schlug zwölf. In der Nähe lärmte eine Horde Kinder; zwei Erzieherinnen hatten Mühe, ein paar ältere Kinder davon abzuhalten, einen dicken Jungen in den Teich zu schubsen.

»Abu-al-fihamat … Wissen Sie, was der arabische Name bedeutet?« fragte ich Mme Navarre zögernd. »Abu heißt ›Vater‹. Aber der Rest?«

»Können Sie sich noch an das Brandmal erinnern?«

»Natürlich! Das werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen!« Sofort kroch wieder dieses beklemmende Gefühl in mir hoch, das ich schon beim ersten Anblick der Fotografie in Nogarets Büro verspürte.

»Nein, ich meine das Symbol, wie es genau ausgesehen hat.«

»So bildhaft ist mein Gedächtnis nicht. Aber ich habe etwas Besseres.« Ich zog ein gefaltetes Stück Papier aus meiner Jackentasche und reichte es ihr.

Sie entfaltete den Zettel, dann hob sie den Kopf und sah mich mit großen Augen an. »Sie haben es abgezeichnet? Wie haben Sie das denn gemacht? Und wann?«

»Als Sie Nogaret von dem Sigillum Dei erzählten. Es hat mich einige Überwindung gekostet. Es wäre jedoch viel auffälliger gewesen, das Bild mit dem Smartphone abzufotografieren.«

»Chapeau, ma chère Henriette!« Mme Navarre hob anerkennend die Augenbrauen. Es war das erste Mal, dass sie mich bei meinem Vornamen nannte.

Eine Zeitlang betrachtete sie eingehend meine Zeichnung. »Abu heißt ›Vater‹«, sagte sie schließlich. »Man kann es aber auch im übertragenen Sinne mit ›Quelle‹ übersetzen. Abu-al-fihamat bedeutet ›Quelle der Weisheit‹. Der Name geht auf den mittelalterlichen Orden der Tempelritter zurück.«

»Die Templer? Hier in Paris scheint die Erinnerung an sie noch recht lebendig zu sein«, bemerkte ich. »Sogar ein ganzes Arrondissement und eine Métrostation sind nach ihnen benannt.«

»Nun, die Templer zogen zwei Jahrhunderte lang die Fäden in der gesamten damals bekannten Welt«, erwiderte Mme Navarre. »In ihrer Glanzzeit waren sie neben dem Vatikan die einflussreichste Organisation der gesamten Christenheit. Ihre Auslöschung erschütterte ganz Europa. Hier in Paris lag ihr Machtzentrum.«

»Sie scheinen einiges über sie zu wissen.«

»Ich habe mich schon als Studentin viel mit ihnen beschäftigt. Vor ein paar Jahren habe ich ein Forschungsprojekt mit EU-Fördermitteln über die Templerprozesse geleitet, an dem auch Betmar teilgenommen hat.«

»Was ist denn so besonders an den Templern? Sie scheinen allgegenwärtig zu sein. Es gibt unzählige Legenden, Romane, Filme und sogar Computerspiele über sie.«

»Die Templer sind fast schon so etwas wie ein europäischer Mythos. Schon zu Lebzeiten umgab sie eine Aura des Geheimnisvollen. Viele glaubten, sie seien die Hüter einer okkulten Tradition. Man sagte, sie seien im Heiligen Land durch Kontakte mit der schiitisch-ismailitischen Sekte der al-Haschischiyyun des ›Alten vom Berge‹ — der Assassinen, wie die Europäer sie nannten, — in orientalische Geheimlehren eingeweiht worden. Manche glaubten gar, sie seien im Besitz des Heiligen Grals.

Das Erstaunliche an dem Templer-Phänomen ist, dass der Orden bis heute von den unterschiedlichsten Gruppierungen für sich vereinnahmt und mit beliebigen Ideologien aufgeladen wird. Esoterische Schwarmgeister stilisieren ihn zu einer okkulten Sekte fortschrittlicher Weiser, die alle ein großes, kosmisches Geheimnis miteinander teilten und mit uralten Menschheitsgeheimnissen und Kultgegenständen hantierten. Von den neoromantischen Dichtern wurden die Templer — begleitet von Wagnerschen Fanfarenstößen — zu ätherischen Gralsrittern verklärt, und völkische Organisationen in Deutschland und Österreich wollten in ihnen den ›arischen Herrenmenschen‹ sehen, um ihre deutschnationale und rassistische ›Ariosophie‹ ideologisch zu untermauern. Bodenständigere Zeitgenossen zeichneten sie indes als betrügerische Geschäftemacher, machtbesessene Intriganten oder rauflustige Trunkenbolde. Wahrscheinlich waren sie ein bisschen von allem.«

Mme Navarre holte ihr Mobiltelefon hervor und öffnete eine Datei. »Hier, lesen Sie selbst, wenn Sie noch mehr über die Templer wissen wollen«, sagte sie und reichte mir das Smartphone. Bei der Datei handelte es sich um ihre Forschungsergebnisse, die sie 2015 zusammen mit Betmar und anderen in der Zeitschrift Cahiers Scientifiques sur l’Histoire et l’Archéologie veröffentlicht hatte.

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