Æmeth

Donnerstag, 20. September 2018, 09:42 von Henriette

Vos igitur sanctissimos angelos peticionibus meis obedire sigillo deposco, invoco et etiam coniuro, sigillo sanctorum nominum dei.?
— Honorius von Theben, Liber Iuratus (The Sworne Booke), CXV. (14. Jh.)

Sigillum Dei Æmeth
Das Sigillum Dei Æmeth (Foto: Wikimedia Commons / ©Sazodeha)

»Mir lässt die Frage keine Ruhe, wie die Täter überhaupt auf die Idee kamen, bei Betmar nach Informationen über das Artefakt zu suchen«, sagte Mme Navarre nach einer Weile. »Woher wussten sie, dass wir bei ihm waren?«

»Wurden Sie beobachtet?«

»Schon möglich. Wir haben nicht darauf geachtet.«

»Wem haben Sie davon erzählt?« wandte sich Nogaret an mich.

Die Frage traf mich wie ein Donnerschlag. »Tara und Nicholas! Ich habe ihnen gestern Abend von der Schale erzählt, und dass wir bei Betmar waren. Und Tara kennt … kannte ihn sogar. — Aber das ist absurd. Tara würde niemals …«

Nogaret verschränkte die Arme und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. »Denken Sie an die Tatzeit — zwischen zwei und drei Uhr. Das ist ziemlich genau die Zeit, zu der Sie gestern die Grues sublimes verlassen haben und zurück ins Hotel gefahren sind.«

»Aber warum hätte sie so etwas tun sollen?«

»Nun, Ihre Tara ist, wie Sie sicherlich wissen, hier im Viertel kein unbeschriebenes Blatt. Wir sind bereits seit längerem einer Organisation im Pariser Untergrund auf der Spur, die antike Artefakte aus dem Nahen Osten nach Europa schleust — Artefakte aus Palmyra und anderen von Dschihadisten zerstörten archäologischen Stätten. Es gibt Hinweise darauf, dass Tara Kontakte zu diesen Leuten hat. Sie nennen sich Abu-al-fihamat

»Abu-al-fihamat?« Mme Navarre hob die Augenbrauen. »Ich kenne diesen Namen …«

»Das ist völlig absurd!« fiel ich ihr ins Wort.

Nogaret sah mich an. In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. »Taraneh ist Iranerin, keine Araberin«, fuhr ich ihn an. »Die Iraner sind Schiiten, keine Wahhabiten. Tara ist mit ihren Großeltern vor der Islamischen Revolution geflohen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie überhaupt Muslimin ist. Sie sind auf der falschen Spur, Lieutenant Nogaret!«

»Nun, um Geschäfte mit Islamisten zu machen, muss man nicht unbedingt selbst Muslim sein«, entgegnete er ruhig. Dann klappte er eine Aktenmappe auf, entnahm ihr ein Foto und legte es vor mich auf den Schreibtisch. »Sehen Sie sich das mal an.«

Das Foto zeigte die Nahaufnahme von Betmars bleichem Gesicht. Auf seiner Stirn klaffte eine große, kreisförmige Brandwunde. In der scharf umrissenen Form aus verbranntem Fleisch war deutlich ein Zeichen zu erkennen.

Mme Navarre sprang auf und presste unwillkürlich die Hand vor den Mund. Ich sah, wie sie erbleichte. »Sie haben ihn gebrandmarkt?«

»Er hat noch gelebt, als sie ihm das angetan haben«, bemerkte Nogaret mit unbewegter Miene.

Beim Anblick des Fotos kroch ein Gefühl in mir hoch, das ich so noch nie zuvor verspürt hatte. Es war eine Mischung aus Mitleid und Abscheu. Ich versuchte, die Tränen zurückzuhalten. »Sowas machen doch eigentlich nur Serienkiller«, stammelte ich, »oder, was weiß ich, die Mafia.«

»Précisément«, entgegnete Nogaret, und seine Augen funkelten hinter den schmalen Schlitzen hervor. »Das Brandmal ist das Emblem des Abu-al-fihamat.«

Ich starrte ihn ungläubig an. »Sie wussten also die ganze Zeit, dass dieser Schmugglerring hinter dem Mord steckt?«

Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. »Nun, uns fehlte noch die Verbindung zu Ihnen und dem Artefakt. Und diese Verbindung ist Taraneh.«

Tara eine Antiquitätenschmugglerin, die Geschäfte mit Extremisten macht und auch vor Mord nicht zurückschreckt? Niemals! Ich konnte, nein, ich wollte das nicht glauben.

»Sigillum Dei«, hörte ich Mme Navarre sagen. Ihr Blick war noch immer auf die abscheuliche Fotografie gerichtet.

Nogaret und ich sahen sie fragend an.

»Das Brandmal. Es sieht aus wie das ›Siegel Gottes‹. Das ist ein magisches Symbol aus dem Spätmittelalter. Es wurde auch Æmeth genannt, ›Wahrheit‹.«

»Ein mittelalterliches Symbol? Und was bedeutet es?«

»Damit soll es Eingeweihten möglich gewesen sein, Macht über die Schöpfung zu erlangen. Es taucht erstmals in einer Handschrift aus dem 13. oder 14. Jahrhundert auf, dem Liber iuratus. Dreihundert Jahre später gelangt das Buch in den Besitz des Mathematikers und Alchimisten John Dee, des Hofastrologen von Königin Elizabeth I. Den Anweisungen aus dem Buch folgend benutzt Dee das Siegel für ein magisches Ritual und behauptet, es sei ihm gelungen, damit die ›henochische Sprache‹, die ›Sprache der Engel‹ zu verstehen.«

Ich beugte mich noch einmal über das Foto von Betmars entstelltem Gesicht. Es widerstrebte mir, es anzufassen. »Was sind das für Leute, die so etwas tun? Ist das eine okkultistische Sekte?«

»Schon möglich«, sagte Mme Navarre. »Oder eine Art Geheimbund.«

Nogaret zog die Stirn in Falten. »Diese Antiquitätenschmuggler sind gefährliche Leute, c’est certain, aber Okkultisten? Ich bitte Sie …«

»Ich mache Sie nur auf Zusammenhänge aufmerksam. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüsse daraus.«

Plötzlich klingelte Nogarets Telefon. Er nahm den Hörer ab, und als er die Stimme am anderen Ende hörte, nahm er sofort eine stramme Haltung ein. »Oui, monsieur le commandant«, sagte er schließlich nur, und »Bien sûr, monsieur le commandant«.

»Wir sind hier fertig«, beschied er uns knapp, als er wieder aufgelegt hatte. »Sie können gehen, aber halten Sie sich zu meiner Verfügung. Ich werde mich jetzt um Taraneh kümmern.«

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