Der Prozess

Freitag, 13. März 2015, 22:51 von Véronique Navarre

« Vous, Templiers, … avez tant de libertés et de chartes que vos immenses possessions vous remplissent d’orgueil et d’arrogance. Ce qui a été imprudemment donné doit donc être prudemment repris, et ce qui a été accordé de façon inconsidérée doit être retiré de façon réfléchie. » — « Que dis-tu, ô Roi ? Loin de toi ces paroles malséantes et douloureuses à entendre. Aussi longtemps que tu exerceras la justice, tu régneras ; mais si tu l’enfreins, tu cesseras d’être Roi. »?
— Briefwechsel zwischen König Heinrich III. von England und Renaud de Vichiers, dem Großmeister der Templer (1252), in: A. Daraul, A History of Secret Societies, p. 46

Jacques de Molay
Jacques de Molay, 23. und letzter Großmeister des Templerordens (Darstellung aus dem 19. Jh., gemeinfrei)
Aus: Navarre; Aboudi; Betmar (2015): Vorwort zu Nouvelles perspectives sur les procès des Chevaliers du Temple et leur influence sur les relations de pouvoir en Europe et au Moyen-Orient. In: Cahiers Scientifiques sur l’Histoire et l’Archéologie, 54. Jg., Heft 3, S. 71.

Nach der Eroberung Jerusalems im 1. Kreuzzug, als der Seeweg nach Palästina offen war, wurde das Heilige Land zum Sehnsuchtsort für viele Pilger und Abenteurer aus Europa. Doch die Straßen von der Küste ins Hinterland waren gefährlich. Die Händler und Pilger, die durch die bergigen Regionen von Jaffa nach Jerusalem zogen, fielen häufig Räubern und Wegelagerern in die Hände.

Um 1118 gründeten neun Ritter um den französischen Adligen Hugo von Payns einen Orden, der die Zugangswege nach Jerusalem freihalten und die Pilger und die heiligen Stätten schützen sollte. Der Chronist Wilhelm von Tyrus schildert die Anfänge des Templerordens folgendermaßen:

In demselben Jahr beschlossen einige Edle aus dem Ritterstand, gottergebene und gottesfürchtige Männer, sich als Kanoniker dem Dienst Christi zu widmen, und legten in die Hand des Patriarchen von Jerusalem das Gelübde der Keuschheit, des Gehorsams und der Armut ab. Die ersten und vornehmsten unter ihnen waren die ehrwürdigen Männer Hugo von Payns und Gottfried von St. Aldemar. Weil sie weder eine Kirche noch eine bestimmte Unterkunft hatten, wies ihnen der König für die nächste Zeit in jenem Teil seines Palastes eine Wohnung zu, der gegen Süden an den Tempel des Herrn grenzt. […] Ihre erste Aufgabe, die ihnen auch vom Patriarchen und den übrigen Bischöfen als ein Mittel, Vergebung der Sünden zu erhalten, besonders empfohlen wurde, war, die Wege, hauptsächlich der Pilger wegen, nach ihren Kräften vor Überfällen der Räuber zu sichern. […] In diesen ersten neun Jahren bestand ihr Orden aus neun Rittern, von da an aber fing ihre Zahl sich zu vermehren an, und ihre Besitzungen erweiterten sich. […] Weil sie ihre Niederlassung neben dem Tempel des Herrn im königlichen Palast haben, so heißen sie daher die Bruderschaft der Tempelritter.

— Wilhelm von Tyrus, Historia rerum in partibus transmarinis gestarum (Geschichte der Kreuzfahrerstaaten), XII, 7 (1180)

Diese Pauperes commilitones Christi templique Salomonici Hierosolymitanis — die ›Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem‹ — genoss schon bald die Unterstützung von Adel und Klerus. Es war kein Geringerer als der heilige Bernhard von Clairvaux, der die Ordensregeln verfasste und darin erstmals das weltliche Ritterideal mit dem geistlichen Mönchsideal verband.

Schon bald genossen die Templer immense Privilegien und wurden dadurch immer reicher und mächtiger. Sie erhielten von Anfang an riesige Schenkungen und hatten bald Komtureien in ganz Europa. Zu den größten zählen der Tempelbezirk in Paris, die Temple Church in London und die Siedlung Tempelhoffe auf dem Hohen Teltow in der Mark Brandenburg, das heutige Berlin-Tempelhof. Die ›Armen Ritter‹ entwickelten sich nach und nach zu einer Art multinationalem Konzern.

Dies musste fast zwangsläufig dazu führen, dass sich allmählich eine Atmosphäre des Neides und der Missgunst um sie aufbaute. Nach dem Verlust des Heiligen Landes, als sich die Templer ihrer eigentlichen raison d’être beraubt sahen, zieht sich die Schlinge zu. Im Jahre 1307 gelingt es dem französischen König Philipp IV., genannt der Schöne, auf Papst Clemens V. so lange Druck auszuüben, bis dieser einen Prozess gegen die Templer eröffnen lässt. Am 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung, ergehen von der königlichen Kanzlei versiegelte Botschaften an alle Vögte und Seneschalle in Frankreich mit der Anweisung, sie am Freitag, dem 13. Oktober 1307, gleichzeitig zu öffnen und die darin enthaltenen Befehle auszuführen: die Templer zu verhaften und ihre Besitztümer zu beschlagnahmen.

Während des Prozesses gestehen die verhafteten Brüder unter der Folter alle Häresien, die man ihnen vorwirft — Götzendienst, Sodomie u. dgl. Sie werden beschuldigt, ein geheimes, obszönes Initiationsritual gefeiert zu haben, bei dem sie Christus verleugneten, das Kreuz mit Füßen traten und bespuckten und sich schließlich in posteriori parte spine dorsi, also auf den Hintern, küssten.

Im Jahre 1312 wird der Orden vom Papst offiziell aufgelöst. Der letzte Großmeister der Templer, Jacques de Molay, wird am 18. März 1314 auf der Île de la Cité in Paris verbrannt.

Es gibt eine Legende, wonach am Vorabend der Verhaftung ein Heuwagen, von zwei Ochsen gezogen, den Pariser Tempelbezirk mit unbekanntem Ziel verlassen haben soll. Eine Gruppe von Rittern unter der Führung eines gewissen Aumont habe den legendären Schatz der Templer in Sicherheit gebracht, möglicherweise nach Schottland. Dort habe der Orden im Verborgenen bis auf unsere Tage weiterexistiert.

Hinrichtung Jacques de Molays und Geoffroy de Charnays auf dem Scheiterhaufen
Hinrichtung Jacques de Molays und Geoffroy de Charnays auf dem Scheiterhaufen (Miniatur des ›Meisters des Vergil‹ aus den Grandes Chroniques de France, um 1380, Abb. gemeinfrei)

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