Die Inschrift

Donnerstag, 8. September 2016, 13:47 von Henriette

i uhin-ma uhin […] sarkan izizzanna edenan […] enmet-turhannar marriš […] utana-pištir tingiš [kuš] hal-tamti zul-manda iršána […] sikašdap igi-šutu up ak-katup

»Die Elamiter verwendeten im Laufe ihrer Geschichte unterschiedliche Schriftsysteme«, erklärte Mme Navarre. »In der Frühzeit benutzten sie eine archaische Bilderschrift nach dem Vorbild der sumerischen Keilschrift. Später entwickelten sie dann eine eigene Silbenschrift, die sogenannte elamische Linearschrift. Schließlich übernahmen sie die akkadische Keilschrift, die sie stark vereinfachten und an ihre Bedürfnisse anpassten. Sie enthielt etwas mehr als 100 Zeichen. Das entspricht in etwa der Anzahl der Zeichen, die Betmar auch für das auf der Schale verwendete Schriftsystem ermittelt hat.«

»Versuchen wir’s.«

Ein zweites Mal öffnete Mme Navarre den Safe und holte die Schale heraus. »Lassen Sie uns die Entschlüsselung diesmal mit dem Original machen.«

Bereits die ersten Vergleiche der Zeichen zeigten Übereinstimmungen in Häufigkeit und Position, und auch die Satzstruktur passte zur elamischen Sprache. Schon nach kurzer Zeit konnten wir die ersten Wörter entziffern.

»Es funktioniert!« rief ich.

Zeichen um Zeichen entfaltete sich vor unseren Augen der zweitausend Jahre alte Text der Inschrift.

i uhin-ma uhin

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Lapis exillis

Donnerstag, 8. September 2016, 12:56 von Henriette

si lebent von einem steine: / des geslähte ist vil reine. / hât ir des niht erkennet, / der wirt iu hie genennet. / er heizet lapis exillîs. / von des steines kraft der fênîs / verbrinnet, daz er zaschen wirt … / zende an des steines drum / von karacten ein epitafum / sagt sînen namen und sînen art, / swer dar tuon sol die sælden vart.
— Wolfram von Eschenbach, Parzival, IX, 469–470

Zwanzig Minuten später waren wir wieder in Mme Navarres Büro im Louvre. Hier hat alles begonnen, dachte ich. Mme Navarre klappte teilnahmslos ihr Notebook auf und rief ihre E-Mails ab. Es ertönte das vertraute ›Bing‹. Plötzlich hielt sie den Atem an. »Eine E-Mail. Sie ist von Betmar.«

Als sie die E-Mail gelesen hatte, hob sie die Augenbrauen und schob mir das Notebook herüber. »Er muss sie gestern Abend noch abgeschickt haben.« Ich las:

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Die Kriegermönche

Donnerstag, 8. September 2016, 12:33 von Henriette

Li frere, li mestre du Temple / Qu’estoient rempli et ample / D’or et d’argent et de richesse / Et qui menoient tel noblesse, / Où sont il? que sont devenu?
— Chronik nach dem Roman de Fauvel (14. Jh.)

Wir verließen den Jardin du Luxembourg in Richtung Saint-Sulpice. Lange Zeit schwiegen wir.

»Hier in Paris scheint die Erinnerung an den Templerorden noch recht lebendig zu sein«, bemerkte ich schließlich. »Sogar ein ganzes Arrondissement und eine Métrostation sind nach ihnen benannt.«

»Nun, die Templer zogen zwei Jahrhunderte lang die Fäden in der gesamten damals bekannten Welt«, erwiderte sie. »Ihre Auslöschung erschütterte ganz Europa. Hier in Paris lag ihr Machtzentrum.«

»Was wissen Sie über die Templer?«

»Nach der Eroberung Jerusalems im 1. Kreuzzug«, begann sie, »als der Seeweg nach Palästina offenstand, wurde das Heilige Land zum Anziehungspunkt für viele Pilger und Abenteurer aus Europa. Doch die Straßen von der Küste ins Landesinnere waren sehr unsicher. Die Händler und Pilger, die durch die bergigen Regionen von Jaffa nach Jerusalem zogen, fielen häufig Räubern und Wegelagerern zum Opfer.

Um 1118 gründeten neun Ritter um den französischen Adligen Hugo von Payns einen Orden, der die Zugangswege nach Jerusalem freihalten und die Pilger und die heiligen Orte schützen sollte. Diese Militia Christi genoss schon bald die Unterstützung von Adel und Klerus, darunter der heilige Bernhard von Clairvaux. Er war es auch, der die Ordensregeln verfasste und darin erstmals das weltliche Ritterideal mit dem geistlichen Mönchsideal verband.

Jacques de Molay, 23. und letzter Großmeister des Templerordens (Darstellung aus dem 19. Jh., Public Domain)
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Jardin du Luxembourg

Donnerstag, 8. September 2016, 11:21 von Henriette

Vanitas vanitatum, et omnia vanitas. Quid habet amplius homo de universo labore suo quod laborat sub sole?
— Kohelet 1, 2–3

Eine halbe Stunde später saßen Mme Navarre und ich auf zwei der berühmten grünen Stühle im Jardin du Luxembourg. Der Himmel hatte aufgeklart, es war ein sonniger Spätsommermorgen, die Blätter an den Bäumen hatten bereits begonnen sich zu verfärben. Mme Navarre hatte noch immer Tränen in den Augen.

»Betmar war einer meiner ältesten Freunde, wir kannten uns seit über zwanzig Jahren. Ich habe ihn als Studentin an der Sorbonne kennengelernt. Er hat dort fast vierzig Jahre lang gelehrt und geforscht. Seine Expeditionen führten ihn immer wieder in den Nahen Osten und nach Nordafrika, er beherrschte mehr als zehn Sprachen. Er war ein wunderbarer Mensch, ich habe ihn aufrichtig bewundert.«

»Waren Sie und er mal …« fragte ich in einem Anflug von Indiskretion.

Fontaine Médicis, Jardin du Luxembourg
Fontaine Médicis, Jardin du Luxembourg (Foto: Flickr / Alyosha Efros)
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Æmeth

Donnerstag, 8. September 2016, 09:42 von Henriette

Et sic completur dei sigillum, et par hoc sanctum et sacrum sigillum quando erit sacratum poteris facere operationes quæ postea dicentur in hoc libro … Vos igitur sanctissimos angelos peticionibus meis obedire sigillo deposco, invoco et eciam coniuro, sigillo sanctorum nominum dei.
— Honorius von Theben, Liber Iuratus (The Sworne Booke), IV.–CXV. (14. Jh.)

»Mir lässt die Frage keine Ruhe, wie die Täter überhaupt auf die Idee kamen, bei Betmar nach Informationen über das Artefakt zu suchen«, sagte Mme Navarre nach einer Weile. »Woher wussten sie, dass wir bei ihm waren?«

»Wurden Sie beobachtet?«

»Keine Ahnung. Schon möglich. Wir haben nicht darauf geachtet.«

»Wem haben Sie davon erzählt?« wandte sich Nogaret an mich.

Die Frage traf mich wie ein Donnerschlag. »Tara und Nicholas! Ich habe ihnen gestern Abend von der Schale erzählt, und dass wir bei Betmar waren. Und Tara kennt … kannte ihn sogar. — Aber das ist absurd. Tara würde niemals …«

Nogaret verschränkte die Arme und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. »Denken Sie an die Tatzeit — zwischen zwei und drei Uhr. Das ist ziemlich genau die Zeit, zu der Sie gestern die Grue sublime verlassen haben und zurück ins Hotel gefahren sind.«

»Aber warum hätte sie so etwas tun sollen?«

»Nun, Ihre Tara ist, wie Sie sicherlich wissen, hier im Viertel kein unbeschriebenes Blatt. Wir sind bereits seit längerem einem Syndikat im Pariser Untergrund auf der Spur, das antike Artefakte aus dem Nahen Osten nach Europa schleust — Artefakte aus Palmyra und anderen von Dschihadisten zerstörten archäologischen Stätten. Es gibt Hinweise darauf, dass Tara Kontakte zu diesen Leuten hat. Sie nennen sich Abu Fihamat

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