Lapis exillis

8. September 2016

si lebent von einem steine: / des geslähte ist vil reine. / hât ir des niht erkennet, / der wirt iu hie genennet. / er heizet lapis exillîs. / von des steines kraft der fênîs / verbrinnet, daz er zaschen wirt … / zende an des steines drum / von karacten ein epitafum / sagt sînen namen und sînen art, / swer dar tuon sol die sælden vart.
— Wolfram von Eschenbach, Parzival, IX, 469–470

Zwanzig Minuten später waren wir wieder in Mme Navarres Büro im Louvre. Hier hat alles angefangen, dachte ich. Mme Navarre klappte teilnahmslos ihr Notebook auf und rief ihre E-Mails ab. Es ertönte das vertraute ›Bing‹. Plötzlich hielt sie den Atem an. »Eine E-Mail. Sie ist von Betmar.«

Nachdem sie die E-Mail gelesen hatte, schob sie mir das Notebook herüber. »Er muss sie gestern Abend noch abgeschickt haben.« Dort stand:

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Die Kriegermönche

8. September 2016

Li frere, li mestre du Temple / Qu’estoient rempli et ample / D’or et d’argent et de richesse / Et qui menoient tel noblesse, / Où sont il? que sont devenu?
— Chronik nach dem Roman de Fauvel (14. Jh.)

Wir verließen den Jardin du Luxembourg in Richtung Saint-Sulpice. Lange Zeit schwiegen wir.

»Was haben die hier alle nur immer mit den Templern?« fragte ich Mme Navarre schließlich. »Auch Nicholas hat sie gleich erwähnt, als wir uns gestern bei Notre-Dame getroffen haben.«

»Die Erinnerung an den Templerorden ist noch recht lebendig hier in Paris. Immerhin sind ein ganzes Arrondissement und eine Métrostation nach ihnen benannt«, erwiderte sie.

»Was wissen Sie über die Templer?«

»Betmar hat sich viel mit ihnen beschäftigt«, begann sie. »Durch ihn weiß ich einiges über sie. Der Orden wurde um 1118 unter Balduin II. nach dem 1. Kreuzzug von neun Rittern um den französischen Adligen Hugo von Payns in Jerusalem gegründet, um die Zugangswege zum Heiligen Land freizuhalten und die Pilger und die heiligen Orte zu schützen. Die Militia Christi, wie sie auch genannt wurden, genoss schon bald die Unterstützung von Adel und Klerus, darunter der heilige Bernhard von Clairvaux, der die Ordensregeln verfasste und darin erstmals das weltliche Ritterideal mit dem geistlichen Mönchsideal verband.

Jacques de Molay, 23. und letzter Großmeister des Templerordens (Darstellung aus dem 19. Jh., Public Domain)
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Jardin du Luxembourg

8. September 2016

Vanitas vanitatum, et omnia vanitas. Quid habet amplius homo de universo labore suo quod laborat sub sole?
— Kohelet 1, 2–3

Eine halbe Stunde später saßen Mme Navarre und ich auf einer Bank im Jardin du Luxembourg. Der Himmel hatte aufgeklart, es war ein sonniger Spätsommermorgen, die Blätter an den Bäumen hatten bereits begonnen sich zu verfärben. Mme Navarre hatte noch immer Tränen in den Augen.

»Betmar war einer meiner ältesten Freunde, wir kannten uns seit über zwanzig Jahren. Ich habe ihn als Studentin an der Sorbonne kennengelernt. Er hat dort fast vierzig Jahre lang gelehrt und geforscht. Seine Expeditionen führten ihn immer wieder in den Nahen Osten und nach Nordafrika, er beherrschte mehr als zehn Sprachen. Er war ein wunderbarer Mensch, ich habe ihn aufrichtig bewundert.«

»Waren Sie und er mal …« fragte ich in einem Anflug von Indiskretion.

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Æmeth

8. September 2016

Et sic completur dei sigillum, et par hoc sanctum et sacrum sigillum quando erit sacratum poteris facere operationes quæ postea dicentur in hoc libro … Vos igitur sanctissimos angelos peticionibus meis obedire sigillo deposco, invoco et eciam coniuro, sigillo sanctorum nominum dei.
— Honorius von Theben, Liber Iuratus (The Sworne Booke), IV.–CXV. (14. Jh.)

»Mir lässt die Frage keine Ruhe, wie die Täter überhaupt auf die Idee kamen, bei Betmar nach Informationen über das Artefakt zu suchen«, sagte Mme Navarre nach einer Weile. »Woher wussten sie, dass wir bei ihm waren?«

»Wurden Sie beobachtet?«

»Keine Ahnung. Schon möglich. Wir haben nicht darauf geachtet.«

»Wem haben Sie davon erzählt?« wandte sich Nogaret an mich.

Die Frage traf mich wie ein Donnerschlag. »Tara und Nicholas! Ich habe ihnen gestern Abend von der Schale erzählt, und dass wir bei Betmar waren. Und Tara kennt … kannte ihn sogar. — Aber das ist absurd. Tara würde niemals …«

Nogaret verschränkte die Arme und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. »Denken Sie an die Tatzeit — zwischen zwei und drei Uhr. Das ist ziemlich genau die Zeit, zu der Sie gestern die Pèlerine Grise verlassen haben und zurück ins Hotel gefahren sind.«

»Aber warum hätte sie so etwas tun sollen?«

»Nun, Ihre Tara ist, wie Sie sicherlich wissen, hier im Viertel kein unbeschriebenes Blatt. Wir vermuten schon länger, dass sie Kontakte zu einem Syndikat im Pariser Untergrund hat, das in den illegalen Handel mit Artefakten aus Palmyra und anderen von Dschihadisten zerstören archäologischen Stätten im Nahen Osten verwickelt ist. Die Organisation nennt sich Abufihamat

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Nogaret

8. September 2016

Ja, du Mensch, Mann! Seit Enlil segnete, / Sind die Anunnaki, die großen Götter, versammelt, / Mammetum, des Schicksals Erzeugerin, / Bestimmt mit ihnen die Schicksale / Sie haben Tod oder Leben zugeteilt, / Des Todes Tage aber nicht bekannt gemacht.
Gilgamesch-Epos, 10. VI, 35–39

Heute Morgen riss mich in aller Herrgottsfrühe das Klingeln meines Mobiltelefons aus dem Schlaf. Benommen nahm ich ab und murmelte noch etwas wie »Wer will denn um diese Zeit …«

»Allô? Spreche ich mit Mademoiselle Künrad?« unterbrach mich eine schroffe Männerstimme am anderen Ende. »Hier ist Lieutenant Nogaret, Justizpolizei. Melden Sie sich bitte umgehend im Commissariat du 5è arrondissement, Rue de la Montagne Sainte-Geneviève. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.«

»Worum geht es denn?« wollte ich wissen.

»Das kann ich Ihnen am Telefon nicht sagen. Bitte kommen Sie, so schnell Sie können.«

»Aber ich …« Er hatte bereits wieder aufgelegt.

Mit einem Schlag war ich hellwach. Das Kommissariat lag im Quartier Latin, wo ich gestern Betmar besucht hatte. Was könnte dort …?

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